Wie geht es dir? 

Gedanken zum Architekturstudium an der ETH

Von Silvie Frei, Architekturstudentin im Master-Studiengang 

In der chinesischen Philosophie wird die Welt und das Leben als ein Balanceakt von Gegensätzen verstanden. Das Yin-Yang-Prinzip beschreibt das zeitlich rhythmische Wechselspiel zwischen den sich entgegengestellten und dennoch zusammengehörigen Energien und Kräften. Diese sind nicht duellierend, sondern einander bedingend. Helligkeit – Dunkelheit / Bewegung – Ruhe / Energie – Materie / Peripherie – Zentrum / usw. 

Seitdem ich an der ETH Zürich Architektur studiere, erlebe ich meinen Alltag intensiv und gegensätzlich. Kein Tag ähnelt einem Anderen. Manchmal fühle ich mich entspannt, dann wiederum total gestresst. Die Ausbildung zur Architektin ist mehr als nur einen Studiengang und vielmehr ein Lifestyle. Warum? – Das Entwurfsstudio ist im Laufe der Jahre zu meinem zweiten zu Hause geworden. 

Jedes Semester lerne ich 30 bis 36 Mitstudenten:innen, mit welchen ich das Entwurfsstudio eines:r bestimmten Professoren:in. teile, näher kennen. Einige täglich, andere weniger oft. Im Studio wird zusammen gekocht und gegessen, gegähnt und geschlafen, gestritten und umarmt, gelacht und geweint, gelesen und gezeichnet, gesungen und getanzt. Ich erinnere mich gerne an diese speziellen Gegensätzlichkeiten. Da gab es zum Beispiel ein Entwurfssemester, welches ich in Zusammenarbeit mit drei Mitstudentinnen absolviert habe. Zu Beginn des Semesters haben wir uns nicht gekannt aber im Laufe des Semesters sind wir Freundinnen geworden, obwohl es durchaus auch Momente gab, in welchen wir uns um einen entspannten Umgang bemühen mussten

Das Architektur-Studium ist meine Hass-Liebe. Ich geniesse die intensive Zusammenarbeit mit meinen Mitstudenten:innen und ich liebe es, mich in meine Projekte vertiefen zu können. Arbeiten ohne Ende geht unter dem Strich energetisch aber nicht auf. Und so hasse ich das Gefühl der mentalen Erschöpfung, die über längere Zeit mit einer körperlichen Müdigkeit einhergeht; oder umgekehrt. 

Ich habe gemerkt, dass mein Studium ein Balanceakt ist. Im Laufe der Zeit habe ich Strategien lernen müssen, um den intensiven Alltag aus verschiedenen Blickwinkeln wahrnehmen zu können. Darüber möchte ich berichten! 

Das Studium setzt eine grosse Menge Disziplin voraus. Von den Professoren und Assistenten wird viel Arbeitsaufwand gefordert. Damit dieser bewältigt werden kann, ist eine gute Organisation und Struktur von Semesterbeginn an von Vorteil. 

Fokussiertes Arbeiten ist zielführend. Jedoch nur, wenn zwischendurch auch genügend Pausen eingelegt werden. Sich anderen Dingen im Leben zu widmen, ist sogar elementar. Nebst dem Studium sollte es auch noch Raum und Zeit für andere Lebensinhalte geben. Der Mensch ist schliesslich kein Roboter. Evidenz-basierte Studien (*) berichten darüber, dass es sich langfristig nicht lohnt, sieben Tage die Woche zu arbeiten. Mit nur vier Arbeitstage soll die Produktivität und Kreativität höher sein. Kondensiert und dafür maximal konzentriert zu arbeiten, erweist sich demnach als effektiver und vor allem aber als gesünder. Erholung ist wichtig

(Siehe auch die Beitragsreihe zum Zeitmanagement)

Das Studium ist eine Zeit, in dem man viele verschiedene Menschen kennenlernen kann. Menschen mit ähnlichen Interessen, Träume und Sorgen. Das Studium bringt tatsächlich mehr Freude und Erfolg, wenn man diesen Austausch sucht und Freundschaften knüpft. Dabei soll nicht vergessen sein, dass der Austausch mit den Kontakten ausserhalb der „Architektur-Bubble“ mindestens genauso wichtig ist. 

Eigenverantwortung im Sinne von Selbstachtung soll gelernt sein. Die psychische und physische Verfassung sind eng miteinander verknüpft. Wie viel darf und kann ich mir zumuten in der Zeitspanne eines Tages? – Diese Frage ist ernst zu nehmen. So spielt es keine Rolle, wie viele Arbeit noch zu meistern ist. Ein regelmässiger Schlafrhythmus führt zu mehr mehr Ruhe und Elan im Alltag. Für den Fall, dass die Nacht mal zu kurz war, bietet hier in Zürich das ASVZ Räumlichkeiten an, in welchen man sich für einen Power-Nap zurückziehen kann (https://asvz.ch/anlage/59727-relax-hoenggerberg#details1-fold-28102-0). Ebenfalls gut zu wissen ist, dass es am Architekturdepartement eine Anlaufstellen für die mentale Gesundheit gibt, das OMG, On Mental Health (https://arch.ethz.ch/parity-diversity/OMG.html). 

(Siehe auch den Gastbeitrag zur Achtsamkeit von Sandrine Grossenbacher)

Das Semester endet letztendlich mit einer Entwurfsabgabe. Für mich ist ein Projekt dann erfolgreich, wenn sich das persönliche Engagement visuell im Projekt abzeichnet. Die gut gemeinte Kritik eines:einer Betrachter:in ist für die persönliche Weiterentwicklung wichtig, und oft aber weniger zu Herzen zu nehmen, wenn man sich als Entwerfer:in den möglichen Konsequenzen des Projektes bezogen auf die Gesellschaft im Allgemeinen, auf sozial minderwertig gestellte Gruppen, auf andere Lebewesen und die Umwelt von Beginn an bewusst ist. Auch wenn das Projekt an der Schlussabgabe keinen perfekten Stand erreicht hat (- ein ohnehin unerreichbares Ziel) ist die Abgabe in meinen Augen erfolgreich und solide, wenn die persönliche Positionierung vorhanden und eine Auseinandersetzung mit dem Thema und ein Lernprozess ersichtlich sind. 

* Siehe G. D. Haraldsson und J. Kellam, Going Public: Iceland’s journey to a shorter working week. Association for Democracy and Sustainability, 2021. 

Vielen Dank an Silvie für diesen Gastbeitrag.

Weitere Gastbeiträge und Interviews findet Ihr hier.

Liebe Grüsse

Eure bigi’s

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