Wir haben alle keine Ahnung und das ist ok!
Habt Ihr
Architektur studiert, dazwischen in 1-2
Praktikas erste Erfahrungen gesammelt, vielleicht sogar für Bekannte Euren ersten Umbau
geplant und
ausgeführt?
Dann habt Ihf trotzdem immer noch
keine Ahnung von Architektur.
Und das ist auch ok!
Seid
bescheiden, macht anderen und Euch selbst nichts vor.
Ihr habt noch viel mehr und
interessanteres zu erleben und daraus zu lernen, als im Studium.
Überschätzt Euch nicht, indem Ihr Aufgaben und Aufträge annimmt, die Ihr noch nicht bewältigen könnt und Eure Freizeit rauben.
Hinterfragt Eure Annahmen, schon nach dem Studium alles meistern zu können und es besser zu wissen, nur weil Ihr jetzt einen anerkannten Berufstitel tragen dürft:
Architekt MSc ETH GPB SIA ETC USW BLA
Seit Bescheiden, bleibt lernwillig.
Plant Eure Planung und holt Feedback von erfahrenen Kollegen über Eure Planung der Planung, bevor Ihr den Ersten Strich zeichnet.
Ein bisschen Ahnung habt Ihr schon.
Total ahnungslos seid Ihr nicht nach einem intensiven und herausfordernden Architekturstudium.
Nehmen wir die Zeitspanne der
bigi’s als Beispiel:
Vom ersten Semester bis zum Abschluss vergehen ca. 7 Jahre:
5 Jahre Architekturstudium
1-2 Praktikas
Wiederholen eines Semester und einiger Prüfungen (ja, auch die
bigi‘s sind zwischendurch gescheitert 💪🏼)
Planung und Ausführung eines Umbaus für Bekannte,
Studentenwettbewerbe.
Ihr setzt Euch also
7 Jahre lang mit Architektur auseinander, lernt verschiedene Professuren, Entwurfs- und Konstruktionsmethoden und erhält erste
Einblicke in den Berufsalltag.
Ihr kennt verschiedene CAD Programme und Darstellungsmethoden: Plan, Digital, Modell.
Trotzdem…
ihr habt immernoch keine Ahnung von Architektur und das ist auch ok.
Architektur entsteht nicht in Euren Gedanken und auf Renderings, Plänen und Modellen.
Architektur entsteht nicht nur aus der Idee des Architekten.
Architektur entsteht im
Bedürfnis der Bauherrschaft. Dieses Bedürfnis
wird vom Architekten interpretiert, hinterfragt und deren Machbarkeit überprüft.
Architektur entwickelt sich dann im
Kontext des Grundstücks, im Rahmen der geltenden
Normen, im
Austausch mit der Bauherrschaft, den Nutzer, Beamten, Fachplaner, Unternehmer, Handwerker.
Architektur entwickelt sich also im
Austausch mit unterschiedlichen Menschen und im Rahmen von Normen, die von Menschen bestimmt und interpretiert werden.
Nach dem Studium habt Ihr noch keine Ahnung von allen Menschen in Bauprojekten, deren unterschiedlichen
Interessen,
Bedürfnissen, und wie Ihr mit jedem auf unterschiedliche Art umgehen könnt, um die
Projektziele zu erreichen.
Euch selbst kennt Ihr auch nur als Studenten und noch nicht als vollzeitiger Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, gleichzeitig Ehepartner und Elternteil.
Ihr habt keine Ahnung von Euch selbst als Architekten/Architektin.
Seid Euch daher bewusst, dass Ihr nach dem Studium mit lernen noch lange nicht fertig seid.
Wir haben alle keine Ahnung von Technologie,
denn diese entwickelt sich
schneller als wir sie beherrschen können.
Nehmen wir ein Beispiele aus
Kevin Kelly’s Buch The Inevitable*:
Die durchschnittliche Lebensdauer von Apps ist 30 Tage. Niemand ist fähig Apps in so kurzer Zeit verstehen und richtig nutzen zu können. Täglich kommen neue und bessere Apps auf den Markt.
An
Baumessen und
BIM-Foren werden jedes mal neue Apps, Programme oder Updates vorgestellt, die die Planungsprozess in BIM-Projekten unterstützen. Bis diese in Planungsbüros implementiert und verstanden werden sind wir schon bei der nächsten BIM-Veranstaltung mit neuen und besseren Apps und CAD Versionen.
Planungsunternehmen wechseln allmählich von der 2D-Planung zur 3D-Planung und schlussendlich zur BIM-Methode, während diese schon seit Jahrzehnten vorhanden ist.
Jedoch wird es durch AR und VR bald möglich sein,
virtuell im 1:1 Massstab Gebäude aufzubauen, indem man auf der Parzelle steht und Elemente von Hand aufstellt und verschiebt.
Wir haben keine Ahnung vom Kontext,
denn jeder Kontext ist unterschiedlich. Jede Gemeinde hat ihre eigene Bauordnung. Jede Baukommission hat ihre eigene Interpretationsweise der Baunormen.
Normen wechseln, Beamte wechseln, Baukomissionen wechseln.
Egal wie erfahren wir sind. Es wird immer eine gewisse Menge Ahnungslosigkeit in der Planung vorhanden sein.
Am besten ist es wenn Ihr diese nicht verheimlicht sondern anerkennt und
lernt mit Ihr umzugehen.
So werdet Ihr
ehrliche Architekten, die sich
besser vorbereiten und frühzeitig Unterstützung finden, um der kollektiven Ahnungslosigkeit entgegen zu wirken.
“Wieso ist es denn ok keine Ahnung zu haben?”
Im ersten Moment glaubt Ihr, einen schlechten Eindruck zu machen, wenn Ihr Ahnungslosigkeit offenbart. Ihr werdet aber einen schlechteren Eindruck machen und Euch das Leben erschweren, wenn Ihr Ahnung vortäuscht und sich später das Gegenteil herausstellt.
Denkt längerfristig.
Ihr wollt
ehrliche Mitmenschen im Planungsprozess
werden, die ihre Versprechen einhalten können.
Ihr wollt Euch nicht überschätzen und zu viel vornehmen, danach ständig im Verzug sein, nur noch arbeiten, überstunden schieben, ungesund leben und daher keine
Qualität an den Tag bringen.
Wenn Ihr ins Berufsleben mit der Einstellung einsteigt, fertige Architekten/innen zu sein und am ehesten über Architektur Ahnung zu haben, werden euch z.B. folgenden Situationen belasten:
Ihr entwirft mühevoll wochenlang die
schönsten Gebäude und zeichnet die
ausführlichsten Pläne. In den Sitzungen wird alles kritisiert und auf der Baustelle baut niemand nach euren Plänen.
Ihr entwirft ein vollständiges Projekt mit perfekten Grundrissen und geht in die Ferien. Während Euren
Ferien werden Teile davon geändert oder sogar das gesamte Entwurfskonzept.
Ihr werdet
gekündigt, weil “umstrukturiert“ wird.
Wenn Ihr also nach dem Studium denkt, schon fertige Architekten/innen zu sein und über alles Ahnung zu haben, werdet Ihr gewöhnliche Situationen aus dem Bauprozess persönlich nehmen und die
negativen Emotionen werden Euren Verstand übersteuern.
“Was kann ich denn nach dem Architekturstudium anbieten, wenn ich keine Ahnung habe?”
Wenn Ihr Euch nicht nur auf die Produktion von Plänen, Renderings, Modellen fixiert und Eure
Zeiteinteilung devon bestimmen lässt…
(Unsere Beitragsreihe
Zeitmanagement im Architekturstudium kann dabei helfen)
Wenn Ihr
bewusst studiert, Eure Lernprozesse analysiert und dokumentiert, indem Ihr schon ab dem ersten Semester einen sauberen Skizzen- und Notizenbuch führt und mit dem
Portfolio beginnt…
Wenn Ihr aufmerksam Eure
persönliche Entwicklung und die
zwischenmenschlichen Beziehungen während dem Studium betrachtet…
(Die Prinzipien in unseren
Literaturempfehlungen können dabei helfen.)
Wenn Ihr Euch Zeit für Geist und Körper nimmt…
(Lest dazu Sandrine‘s Gastbeitrag über
Yoga. Meditation und Achtsamkeit)
…
dann werdet Ihr auch als ahnungslose, junge Architekten bei folgenden
Kompetenzen und
Fähigkeiten gut unterwegs sein:
Unterschiedliche Entwurfs- und Darstellungsmethoden
Selbstbewusstsein
Geduld
Kreativität
Lösungsorientiertheit
Teamfähigkeit
Flexibilität
Selbstkompertenz
Emotionale Intelligenz
Sorgfalt
Ordnung
Ausdauer
Mit Ausdauer ist nicht gemeint, in jedem Semester Nächte und Wochenende durchzuarbeiten. Das ist keine Ausdauer, sonder Konsequenz mangelnder
Planung der Planung und unklaren Prioritäten. Mit Ausdauer ist gemeint, die eigenen Konzepte und Ideen trotz ständiger
Kritik und Hinterfragung zu optimieren und durchzuziehen.
Ausdauer bedeutet auch Prioritäten zu setzen und diese durchzuziehen, trotz Stress und Zwischenfälle.
—
Wie sieht es bei Euch so aus?
Fehlt Euch der
Mut ehrlich zu sagen, dass Ihr keine Ahnung habt?
Trifft Ihr oft auf Personen, die anscheinend
über alles Ahnung haben und schon die ganze Welt verstehen?
Gratuliert diesen und macht weiter mit Eurer Ahnungslosigkeit.
Seid Neugierig.
Studiert das Leben lang.
Entwickelt Euch weiter nach neuen Erkenntnissen.
Erfindet Euch neu.
Habt
Spass dabei.
Ihr ehrlichen Ahnungslosen werdet Euch
weiterentwickeln.
Die Ahnungsvollen werden so bleiben wie sie sind.
Lasst uns zusammen darüber reden:
Schreibt uns hier oder per Mail
➡️
ask@bigi.blog
Liebe Grüsse
Eure
bigi‘s
———
bigi‘s Partner:
SHD Technik GmbH
VESELY ARCHITEKTEN GmbH
———
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2 Kommentare zu „Lieber keine Ahnung haben als Ahnung vorzutäuschen!“